Vier Spiele, 44 Spieler und viele Experimente: Die erste Länderspielphase unter Jürgen Klopp ist beendet. Die Ergebnisse des DFB-Teams lassen noch zu wünschen übrig, trotzdem hat der neue Bundestrainer einige wichtige Antworten bekommen.
Jürgen Klopp wollte viel sehen und testen. Dafür nominierte der neue Bundestrainer für seine erste Länderspielphase gleich 44 Spieler, teilte diese auf zwei Kader auf und nahm bewusst in Kauf, dass sich eine Mannschaft innerhalb von elf Tagen kaum einspielen konnte. Nach dem abschließenden 0:0 in Griechenland fällt die Bilanz daher kompliziert aus: Deutschland gewann nur eines von vier Spielen und droht in der Nations League sogar die K.o.-Runde zu verpassen. Allerdings ist nach kurzer Zeit auch zu erkennen, wie Klopp mit der Nationalmannschaft spielen möchte.
Ergebnisse passen noch nicht zu Klopps Aufbruchstimmung
Rein auf dem Papier ist der Start misslungen. Auf das 1:1 bei den Niederlanden folgte beim ersten Heimspiel eine 0:1-Niederlage gegen Griechenland. Erst im dritten Anlauf gelang beim 2:0 gegen Serbien der erste Sieg der Klopp-Ära, bevor Deutschland am Sonntag trotz einer starken ersten Halbzeit nicht über ein 0:0 in Griechenland hinauskam. Fünf Punkte und nur drei eigene Tore aus vier Spielen sind nicht das, was sich der DFB von diesem Start erhofft haben dürfte.

Die Folgen sind auch in der Tabelle sichtbar. Deutschland liegt vor den letzten beiden Gruppenspielen mit fünf Punkten nur auf Rang drei. Die Niederlande und Griechenland haben jeweils acht Zähler gesammelt und den direkten Vergleich mit den Griechen hat die DFB-Elf nach dem 0:1 und 0:0 schon verloren. Im November gegen Serbien und die Niederlande steht Deutschland damit gehörig unter Druck. Selbst zwei Siege garantieren das Viertelfinale dann nicht.
Trotzdem erzählt die Tabelle nur einen Teil der Geschichte, denn Klopps erste Maßnahme war von Beginn an weniger an Ergenisse ausgerichtet und mehr als großes Casting angelegt. Der 59-Jährige wollte nach dem schwachen WM-Sommer möglichst viele Spieler unter eigenen Bedingungen erleben. Sechs Debütanten standen im ersten 24-Mann-Kader, danach wurde ein das Aufgebot ausgetauscht. Am Ende hatte Klopp einen deutlich größeren kennengelernt, als es während einer normalen Länderspielphase möglich gewesen wäre.
Griechenland legt die alten DFB-Probleme offen
Dass ein neuer Trainer nicht automatisch die Probleme beseitigt, zeigte vor allem das erste Duell mit Griechenland. Die Gäste verteidigten in Augsburg tief, überließen Deutschland den Ball und warteten auf Fehler. Das DFB-Team fand dagegen kaum Lösungen. Joshua Kimmich sprach von zu wenig Bewegung und Kreativität, Klopp räumte selbst ein, dass seine Mannschaft gegen den tiefen Block noch nicht die notwendigen Abläufe hatte. Das späte 0:1 machte den schwachen Auftritt auch auf der Anzeigetafel sichtbar.
Darin liegt eine der wichtigsten Erkenntnisse dieser zwei Wochen. Deutschland kann viel Ballbesitz haben, ohne einen Gegner damit dauerhaft vor Probleme zu stellen. Das zeigte sich auch beim deutlich verbesserten Rückspiel in Thessaloniki noch. Vor der Pause hatte die DFB-Elf 76 Prozent Ballbesitz, 13:1 Torschüsse und 23:2 Strafraumaktionen. Ein Treffer von Jonathan Burkardt wurde nach VAR-Eingriff aberkannt, ein reguläres Tor gelang trotz der Überlegenheit nicht. Nach der Pause verlor Deutschland immer mehr die Kontrolle über die Partie und das Offensivproblem zieht sich damit durch.
Klopps Handschrift wird mit dem zweiten Kader sichtbar
Nach dem beinahe vollständigen Austausch des Kaders kam der bisher stärkste Auftritt. Gegen Serbien ließ Deutschland klar erkennen, welchen Fußball Klopp sehen möchte. Die DFB-Elf presste hoch, eroberte verlorene Bälle schnell zurück und hielt den Gegner über lange Phasen in dessen Hälfte fest. Allein in der ersten Halbzeit lag das Torschussverhältnis bei 16:0. Tom Bischof und Florian Wirtz sorgten dann für den verdienten 2:0-Sieg.

Wichtig war dabei, wie viele unerfahrene Spieler sofort funktionierten. Jonas Urbig und Derry Scherhant standen bei ihrem Debüt direkt in der Startelf, Said El Mala, Mika Baur und Vitaly Janelt kamen im Laufe der Partie auch zu ihren ersten Einsätzen. Die neu zusammengestellte Mannschaft wirkte dynamischer und mutiger als der erste Kader wenige Tage zuvor.
Klopp bezeichnete die aggressive Spielweise als den Maßstab für die Zukunft. Beim Rückspiel in Griechenland bestätigte seine Mannschaft zumindest vor der Pause, dass der Serbien-Sieg kein Ausreißer war. Vor allem das Gegenpressing funktionierte phasenweise so, wie man es aus Klopps Vereinsmannschaften kennt.
Aus dem XXL-Casting entsteht ein erstes Gerüst
Noch interessanter als einzelne Namen ist die taktische Entwicklung. Trotz der personellen Rotation blieb Klopp seiner Grundidee treu, Deutschland agierte im 4-3-3 mit einem Sechser und zwei Achtern, wollte nach Ballverlusten sofort Druck erzeugen und den Gegner möglichst dauerhaft beschäftigen. In den beiden Spielen mit dem zweiten Kader blieb die Mannschaft ohne Gegentor.
Welche Spieler dieses System langfristig tragen werden, ist noch offen. Doch dafür war die XXL-Nominierung gedacht. Klopp erklärte nach dem Abschluss in Thessaloniki, jetzt einen Pool mit Alternativen auf den verschiedenen Positionen zu besitzen. Im November wird wieder Normalität einkehren: Für die beiden letzten Nations-League-Spiele kündigte der Bundestrainer einen Kader mit 23 oder 24 Spielern an. Damit beginnt nach dem Casting die schwierigere Phase.

Klopp hat eine Basis
Das vielleicht treffendste Fazit lieferte Klopp nach dem letzten Spiel selbst. Er sei „sehr zufrieden“, weil er wisse, wo die Mannschaft herkomme. Gerade die erste Halbzeit in Thessaloniki habe ihn überrascht. Doch der Bundestrainer räumte ein, dass die Abläufe nach etwa einer Stunde wieder unsauberer wurden. Von einem vollendeten Neustart kann deshalb keine Rede sein.
Die erste Länderspielphase unter Klopp hat zwei Dinge gezeigt. Deutschland ist weiter anfällig für die Probleme, die schon vor seinem Amtsantritt bestanden: fehlende Durchschlagskraft gegen tiefstehende Gegner, zu wenig Konsequenz im letzten Drittel und Phasen, in denen die Kontrolle verloren geht. Fünf Punkte aus vier Spielen lassen sich dabei nicht schönreden.
Doch Klopp hat innerhalb von nur zwei Wochen aus einem riesigen Spielerpool erste Strukturen herausgearbeitet. Gegen Serbien und über weite Strecken der ersten Hälfte in Griechenland war zu erkennen, welchen Fußball er von der Nationalmannschaft erwartet.
Klopp formulierte es nach dem Abpfiff so: Die „DFB-Festplatte“ sei beim nächsten Treffen nicht mehr leer. Im November muss Deutschland also nicht wieder bei null anfangen. Dann zählt aber nicht mehr nur, ob Klopps Idee erkennbar ist. Gegen Serbien und die Niederlande müssen auch die Ergebnisse dazu passen.









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